In Peking die Olympiade – in Tibet die totale Sperre (Teil 2)
Mittwoch, 03.09.2008, 07:17 Uhr | Kategorien: Menschenrechte, Olympische "Spiele" 2008Aufstockung des Militäraufgebotes in Kardze (chin. Ganzi)
Zwei Wochen vor dem Beginn der olympischen Spiele reiste eine taiwanesisch-amerikanische Touristin nach Kham (chin. Provinz Sichuan). Die 24jährige Wen Yan-King besuchte Kardze (chin. Ganzi) und weitere Gegenden. Sie hörte von Einwohnern dieser Gegenden und erlebte selbst sowohl eine starke Militärpräsenz als auch eine tiefe Furcht unter den Tibetern, weil die chinesischen Behörden die Gegend im Vorfeld der olympischen Spiele von der Außenwelt abgeriegelt hatten. Es war Wen möglich, in Gegenden zu gelangen, zu denen ausländische Medienvertreter keinen Zutritt haben, weil sie als Taiwanesin reiste. Taiwanesen werden von den Chinesen als Chinesen angesehen. Was sie sah und erlebte, berichtete sie Rebecca Novick, Herausgeberin des tibetischen Radioprogramms (http://www.thetibetconnection.org/).
Das Interview mit Wen wurde kürzlich von der Huffington Post (siehe http://www.huffingtonpost.com/rebecca-novick/arrested-in-tibet-a-young_b_118342.html) veröffentlicht. Darin beschreibt Wen die Situation in Kardze wie folgt: Sie reiste in Gegenden, die seit Monaten nicht mehr von ausländischen Medienvertretern bereist worden waren. Einige Orte, die sie besuchte, waren offiziell für alle ausländischen Besucher abgeriegelt, aber weil den Chinesen bereits in der Schule beigebracht wird, Taiwan gehöre zu China, wurde sie von den chinesischen Behörden als Chinesin angesehen. Ihr Fahrer versuchte dennoch Straßen zu benutzen, bei denen sie die Checkpoints vermeiden konnten, die immer mehr wurden, je westlicher sie kamen. Doch es war in Kardze, wo die Atmosphäre der Einschüchterung, die sie bis dahin erlebt hatte, ganz andere Dimensionen annahm. Wen sagte: “Es gibt einen guten Grund dafür, daß Ausländer nicht in diese Gegend gelassen werden. Sie gleicht nämlich einem Kriegsschauplatz. In Kardze ist die Polizei überall auf den Straßen. Sie sitzen mit ihren Helmen und mit ihren Waffen und Schildern in Reihen von 10 oder 15. Sie sitzen unter blauen Planen zu beiden Seiten des Gehsteigs. Sie sitzen in überall aufgestellten Wachposten aus Metall, von denen aus sie die Straße überblicken. Ich konnte nirgendwo hingehen, ohne daß ich von einem Dutzend Polizisten beobachtet wurde. Ich habe niemals zuvor in meinem Leben so viel Polizei und Militär in einer Stadt gesehen. Auch habe ich nie zuvor solch eine tiefsitzende Angst erlebt”.
Verstärkung des Militäraufgebotes auch außerhalb von Kardze – Lithang
Wen besuchte weitere Gegenden in Kham (chin. Provinz Sichuan), in denen die Truppen verstärkt wurden, um jegliche Form des Aufbegehrens zu verhindern. Auch in Lithang war das Polizeiaufkommen sehr hoch. Sie zählte allein sieben Polizeistationen im Umkreis von etwa einem Quadratkilometer. Wen sagte: “Die Polizeistationen sind nach den Protesten im März aus dem Boden geschossen. Wenn es einen Weg gibt, Menschen Furcht einzuflößen, dann ist es dieser. Man geht nicht auf die Straße zum Protestieren, wenn man 50 Polizisten zu seiner Linken und Rechten sieht.” Die Leute in Lithang erzählten ihr, einige Personen seien kürzlich einfach verschwunden und niemand wisse, was mit ihnen passiert sei (http://www.huffingtonpost.com/rebecca-novick/arrested-in-tibet-a-young_b_118342.html).
Die Gegend um Lithang wird von den chinesischen Behörden als eine besonders brisante angesehen, weil dort im August 2007 infolge der Verhaftung des Nomaden Runggye Adak Proteste großen Ausmaßes ausgebrochen waren. Er wurde verhaftet, nachdem er bei dem jährlich in Lithang stattfindenden Pferderennen vor chinesischen Beamten und einer großen Menschenmenge sich leidenschaftlich für die Rückkehr Seiner Heiligkeit des Dalai Lama nach Tibet ausgesprochen hatte. Er wurde zu acht Jahren Haft verurteilt.
Bezirk Ngaba (chin. Aba)
Wie die Free Tibet Campaign am 10. August erfahren hat, schoß die chinesische Polizei in der Stadt Ngaba, Tibetisch-Autonome Präfektur (TAP) Ngaba (chin. Aba; Provinz Sichuan), auf zwei Frauen. Augenzeugen aus der Gegend berichten davon, daß die Truppenanzahl von 2000 auf 10000 gestiegen sei. Auf jeder größeren Straße in Ngaba befinden sich Checkpoints und es besteht eine Ausgangssperre für die Stadt Ngaba, die um 19.00 Uhr beginnt, was es den Leuten beinahe unmöglich macht, in der Stadt auszugehen. Die Truppen sollen einigen tibetischen Quellen zufolge bis zum Ende der olympischen Spiele in der Stadt bleiben. Eine sehr verläßliche Quelle erklärte gegenüber der Free Tibet Campaign, es herrsche eine extreme Furcht unter den Bewohnern der Stadt: Die Tibeter haben wegen der starken Militärpräsenz und der Überwachung Angst, mit irgend jemandem zu sprechen, der von außerhalb in die Stadt kommt. Sie sagen, die Truppen seien deshalb aufgestockt worden, weil die Tibeter dieser Region für ihr starkes tibetisches Identitätsgefühl bekannt sind und Protestaktionen während der olympischen Spiele in jedem Falle vermieden werden sollten. Die Mönche der Klöster benötigen eine spezielle Ausgangserlaubnis ihres „Arbeitsteams“, um das Kloster verlassen zu können. Ein „Arbeitsteam“, das für die „Patriotische Erziehung“ zuständig ist, ist nun ständig in den Klöstern stationiert. Die Ausgangserlaubnis ist sehr schwer zu erhalten. Für einen detaillierten Bericht der Situation im Kloster Kirti und in Ngaba siehe die Pressemitteilung der Free Tibet Campaign: http://www.freetibet.org/newsmedia/100808).
Wie in Kardze, wo chinesische Truppen das Feuer auf eine demonstrierende Menge in der Stadt Tongkor eröffnet hatten, kam es auch in Ngaba zu einem schrecklichen Massaker. Chinesische Militärkräfte schossen dabei am 16. März in eine demonstrierende Menge, wobei mindestens acht Frauen und Männer ums Leben kamen. Vermutlich wurde das Truppenaufkommen in Kardze und Ngaba verstärkt, weil dort nach den Protesten im März und April die Gefühle noch stark aufgeheizt sind und von den chinesischen Behörden in diesen Regionen darüber hinaus am ehesten Proteste während der Olympischen Spiele befürchtet werden.
Das Kloster Kumbum
Ein Journalist aus dem Büro von AFP in Beijing reiste kürzlich zum Kloster Kumbum in der Region Amdo (chin. Provinz Qinghai). Aufgrund der starken Verbindung dieses Klosters zu dem Panchen Lama zog es schon immer besondere Aufmerksamkeit seitens der chinesischen Behörden auf sich. Der 11. Panchen Lama, der vom Dalai Lama anerkannt worden ist, wurde 1995, im Alter von sechs Jahren, entführt und sein Verbleib bleibt eines der von der chinesischen Regierung am besten gehüteten Geheimnisse. In dem Artikel des Journalisten hieß es, die Mönche dieses Klosters seien besonders stark von den olympischen Spielen in Beijing in Mitleidenschaft gezogen; so sprachen nur wenige der Mönche mit den Journalisten und sie taten dies mit großer Vorsicht. Sie beschrieben Beschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit und Sicherheitsmaßnahmen in Zusammenhang mit den Spielen. Einer der Mönche sagte, bis zum Ende der Spiele hätten sie keine Möglichkeit E-mails zu erhalten oder zu versenden.
Gelesen: 57 · heute: 2 · zuletzt: 12. March 2010Free Tibet Campaign (FTC)
www.freetibet.org, e-mail: mail@freetibet.org
18. August 2008Übersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

