In Peking die Olympiade – in Tibet die totale Sperre (Teil 1)

Mittwoch, 03.09.2008, 07:06 Uhr | Kategorien: Menschenrechte, Olympische "Spiele" 2008

Die Free Tibet Campaign gab am 18. August einen Überblick über die Menschenrechtsverletzungen heraus, die von Seiten der Behörden in Tibet begangen wurden, während gleichzeitig die olympischen Spiele in Beijing stattfanden. Der Dalai Lama sagte in einem Interview mit dem französischen Radiosender TF1, daß sogar während der olympischen Spiele die Tibeter schlecht behandelt würden und daß die Zivilbevölkerung weiterhin unter Verhaftungen und schwerer Folter zu leiden hätte, die manchmal soweit ginge, daß sie den Tod verursache. Seine Aussagen wurden von AP berichtet, siehe: http://www.iht.com/articles/ap/2008/08/17/europe/EU-France-Dalai-Lama.php.

Die Worte des Dalai Lama widerlegen das, was Wang Wei, der oberste Funktionär für die olympischen Spiele, bei einer Pressekonferenz erklärte: “Die olympischen Spiele verhelfen China zu einer weiteren Öffnung und zu weiteren Reformen” (siehe: http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/7560269.stm).

Eine solche Öffnung konnte jedenfalls in Tibet nicht beobachtet werden, wo sich die Lage immer mehr verschlechtert. Dieser Überblick besteht aus Auszügen aus verschiedenen Berichten, aus denen das dichte Netz von Einschränkungen, denen die chinesische Regierung die Tibeter unterwarf, ersichtlich wird. Diese erdrückenden Restriktionen bezwecken, alle Formen des Aufbegehrens im Keime zu ersticken, da diese für China gerade im Moment sehr peinlich werden könnten. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die nachstehend geschilderten Restriktionen und Maßnahmen eingeführt worden wären, wenn China die olympischen Spiele nicht zugesprochen bekommen hätte. Indem er die katastrophale Situation in Tibet beschreibt, widerlegt dieser Überblick die Behauptungen sowohl der chinesischen Regierung als auch des IOC, die olympischen Spiele würden zu einer Verbesserung der Menschenrechtssituation in Tibet führen.

Natürlich gibt diese Zusammenfassung kein vollständiges Bild sämtlicher Einschränkungen in Tibet. Da die chinesische Regierung nach dem Beginn der Proteste im März alle ausländischen Medienvertreter des Landes verwiesen hatte, ist es sehr schwer geworden, Informationen aus Tibet zu erhalten. Mitarbeiter der Free Tibet Campaign, die bis vor kurzem noch häufig mit Familienmitgliedern und Freunden in Tibet sprechen konnten, finden ihre Kontaktpartner nun nicht mehr zu Aussagen bereit.

Mobiltelefonnummern, über die man bisher noch Auskünfte aus Tibet erhalten konnte, sind plötzlich unerreichbar, oder eine chinesische Stimme möchte etwas über die Identität des Anrufers erfahren. Doch aus den unten aufgeführten Berichten geht eindeutig hervor, daß die chinesische Regierung eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen hat, um Proteste während der Spiele zu verhindern.

Klöster und der übrigen Bevölkerung wurden strenge Beschränkungen auferlegt; am heftigsten sind diese in den Gegenden, die besonders durch Proteste auffielen.

Die schwersten Beschränkungen scheinen in der Tibetisch-Autonomen Präfektur (TAP) Kardze (chin. Ganzi), Provinz Sichuan, zu herrschen. Die einzige Möglichkeit, ein genaues Bild der Situation dort zu erhalten, wäre die Entsendung einer unabhängigen Untersuchungskommission. Die Free Tibet Campaign ruft daher Gordon Brown und andere führende Persönlichkeiten dieser Welt dazu auf, offene Kritik daran zu üben, daß die Volksrepublik China (VRC) ihre Versprechen hinsichtlich der Verbesserung der Menschenrechtssituation in Tibet gebrochen hat, und eine sofortige unabhängige Untersuchung der Lage in Tibet zu verlangen.

Die Tibetisch-Autonome Präfektur (TAP) Kardze

Im April gab die Free Tibet Campaign die Nachricht über eine Demonstration bekannt, die sich am 3. April in der Tibetisch-Autonomen Präfektur (TAP) Kardze (chin. Ganzi), Provinz Sichuan, ereignet hatte. Augenzeugenberichten zufolge eröffneten bewaffnete chinesische Sicherheitskräfte dabei das Feuer auf die friedlich demonstrierende Menge, wobei mindestens acht Tibeter ums Leben kamen. Von diesem Vorfall wurde weltweit in den Medien berichtet, etwa in “The Guardian”, in “Daily Telegraph” und in der „South China Morning Post“ (http://www.freetibet.org/newsmedia/040408-thonkor-killings).

Die Tibeter dieser Region sind bekannt für ihr starkes Streben nach der Unabhängigkeit, und die Free Tibet Campaign erfuhr immer noch von Protesten in dieser Gegend lange, nachdem das chinesische Militär bereits andere Gebiete unter seine vollständige Kontrolle gebracht hatte. So gab es Berichte über Proteste von Mönchen und Nonnen in der Stadt Kardze am 23. April und am 11., 12. und 13. Mai. Am 14. Mai veranstalteten 76 Nonnen des Klosters Pungrina eine Demonstration in der Stadt Kardze (chin. Ganzi), wobei sie die Rückkehr seiner Heiligkeit des Dalai Lama forderten. 52 der Nonnen wurden verhaftet (Siehe http://www.freetibet.org/newsmedia/150508-scores-nuns-arrested-khardze-county-sichuan-province-following-protests und http://www.freetibet.org/newsmedia/190508-khardze-nuns-update).

Als die Proteste auch nach dem großen Erdbeben am 12. Mai nicht abrissen, war klar, daß die Region um Kardze eine der unruhigsten Gegenden ganz Tibets ist. Die chinesischen Behörden antworteten auf diese Unruhen mit einer Aufstockung des Militärs und einer ganzen Reihe mit einander koordinierter extrem scharfer Maßnahmen, um gegen die aufsässigen Nonnen/Mönche und Klöster vorzugehen. Der Zweck dieses zweigleisigen Vorgehens war mit ziemlicher Sicherheit, die Tibeter in der kritischen Zeit vor und während der olympischen Spiele an jeglicher Form des Aufbegehrens zu hindern. Solche Proteste würden nämlich daran erinnern, daß die Tibeter die Legitimität der Anwesenheit der Chinesen bestreiten, und stünden im Widerspruch zu Chinas Behauptung, daß in China die ethnischen Minderheiten zusammen mit den Han-Chinesen unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas (CPC) in Harmonie leben. Die chinesische Regierung wollte deshalb in den besonders aufsässigen Gegenden wie Kardze derartige Proteste um jeden Preis vermeiden.

Die Säuberung der Klöster in Kardze (chin. Ganzi)

Am 28. Juli veröffentlichte die Free Tibet Campaign ein Dokument über eine behördliche Säuberung der Klöster in Kardze (chin. Ganzi). Dabei handelte es sich um die Übersetzung einer Ankündigung in tibetischer Sprache auf der staatlichen Website für Tibet. (Siehe: http://zw.tibet.cn/news, 18. Juli, diese Ankündigung bezog sich auf einen Artikel, der schon früher in dem offiziellen Blatt Tibet Daily erschienen war).

Die Übersetzung dieses Artikels durch die Free Tibet Campaign wurde von Tsering Topgyal, einem Akademiker an der London School of Economics, überprüft (Für weitere Informationen siehe: http://www.freetibet.org/newsmedia/28-july-2008).

Dieser Ankündigung zufolge bleiben Mönche und Nonnen, denen ein mittelschweres Vergehen vorgeworfen wird, in Haft und werden Sitzungen der “Patriotischen Erziehung” unterzogen, bis sie kooperieren, indem sie die Wahrheit sagen, sich zu ihren Taten bekennen und einen shuyig (einen Geständnisbrief) unterzeichnen. Sie müssen außerdem bereit sein, von sich aus die Wahrheit zu sagen.

Schwere Bestrafung ist für diejenigen Klöster vorgesehen, die in Protestaktionen im März und April involviert waren. In Klöstern, in denen zwischen 10 % und 30 % der Nonnen und Mönche an Protestaktionen teilgenommen haben, dürfen keine religiösen Zeremonien mehr stattfinden. Die Bewegungsfreiheit der Mönche wird stark eingeschränkt. Dies wurde vom “Daily Telegraph” aufgegriffen (siehe: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/china/2463385/China-plans-sweeping-purge-of-Tibetan-monasteries.html).

Obwohl es der Free Tibet Campaign nur möglich war, derartige Maßnahmen aus der Tibetisch-Autonomen Präfektur (TAP) Kardze (chin. Ganzi) zu dokumentieren, machen Mitteilungen der offiziellen Stellen in Tibet deutlich, daß in ganz Tibet ähnliche Maßnahmen eingeführt werden. In einem am 13. Juli in der “Sunday Times” veröffentlichten Artikel mit der Überschrift: “Olympic Crackdown: China’s secret plot to tame Tibet” (http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/asia/article4322537.ece) wurde Lie Que, der Propagandachef in Tibet, mit den Worten zitiert: “Wir müssen die Klöster säubern und die Verwaltungskomitees stärken”. Als Quelle für dieses Zitat gab die “Sunday Times” die Tageszeitung „Tibet Daily“ an.

Die gleiche Ausgabe der “Sunday Times” berichtete, daß rund 1000 Mönche in den Hauptklöstern Lhasas sich auch vier Monate nach den März-Protesten noch unter strenger Militäraufsicht befinden und die Klöster die schlimmste Unterdrückung der Religionsfreiheit seit Jahrzehnten erfahren (siehe: http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/asia/article4322537.ece).
Fortsetzung folgt….

Free Tibet Campaign (FTC)
www.freetibet.org
, e-mail: mail@freetibet.org
18. August 2008

Übersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

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