Strafexpeditionen, Plünderung von Klöstern und Schikanierung der Bevölkerung

Donnerstag, 10.07.2008, 09:47 Uhr
Kategorien: Widerstand in Tibet

Obwohl auf die Unruhen im Frühjahr hin eine komplette Nachrichtensperre über die tibetischen Gebiete der VR China verhängt wurde, gelangen doch hin und wieder Mitteilungen aus unterschiedlichen Quellen in die Außenwelt, so daß ein recht deutliches Bild der massiven Repressionen entsteht, mit denen die Behörden Tibet überzogen haben. Die chinesischen Medien spiegeln vor, nur gewisse Einzelpersonen, die sich des Rechtsbruchs schuldig gemacht hätten, würden in objektiven und einwandfreien Verfahren abgeurteilt. Das widerspricht dem, was aus unabhängigen Quellen ans Licht kam. Diesen zufolge verdächtigen die Behörden nämlich ganze Teile der tibetischen Bevölkerung, mit den Aufwieglern zumindest zu sympathisieren; besonders Mönche und Nonnen haben sie dabei ins Visier genommen.

Daraus folgt, daß die Regierung das, was sie behauptet, selbst nicht glaubt, daß die Unruhen nämlich nur das Werk einer „kleinen Gruppe von Separatisten“ seien. Sie scheint sich vielmehr voll bewußt zu sein, daß das Aufbegehren der Tibeter das Resultat einer generellen Ablehnung der praktizierten Politik und eine direkte Herausforderung der chinesischen Herrschaft über Tibet ist. Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte, wozu auch die Verwüstung kulturellen und persönlichen Eigentums, die Einschüchterung und Unterjochung der Tibeter durch Maßnahmen, die von willkürlichen Geldstrafen bis zur Folterung reichen, zählen, wird von der Führung der VR China offenkundig geduldet, wenn nicht sogar aktiv unterstützt. Diese Strategie erinnert stark an die „Strafexpeditionen“, welche die einstigen Kolonialmächte unternahmen, um all diejenigen zu bestrafen, die die ihnen aufgezwungene Ordnung gestört hatten, und die anderen davon abzuhalten, weitere Unruhen anzufachen. Aus all dem wird ersichtlich, daß es unmöglich ist, eine von der Bevölkerung abgelehnte Fremdherrschaft auf Dauer mit anderen Mitteln als mit Gewalt aufrechtzuerhalten.

Mehreren Augenzeugen aus der Gegend zufolge wurde das Kloster Labrang am 14. April 2008 nach Einbruch der Dunkelheit von Sicherheitskräften in zwei Reihen umstellt – wobei es unklar ist, ob es sich um Polizei, Miliz (Bewaffnete Volkspolizei, PAP) oder Soldaten handelte. Diese besetzten außerdem den gesamten Klosterkomplex, so daß die Wege, die Tempel, Kollegien, Versammlungshallen und Wohnquartiere der Mönche miteinander verbinden, von bewaffneten Kräften wimmelten. Sie drangen auch in die Gebäude ein, zerstörten die Altäre und zerfetzten oder verbrannten Bilder des Dalai Lama vor den Augen der Mönche, sie konfiszierten Computer, Mobiltelefone und Geld.

Bei ihrer systematischen Großrazzia, die sie bis zum nächsten Morgen fortsetzten, brachen die Soldaten oder Milizen in jede einzelne Mönchszelle ein. Was die Mönche am meisten aufbrachte, ist, daß die  Sicherheitskräfte abgesehen von der Schändung der Bilder des Dalai Lama auch alte Thangkas und wertvolle Statuen, welche die Mönche einst vor den schlimmsten Exzessen der Kulturrevolution gerettet hatten, mit sich nahmen.

Viele dieser Artefakte haben eine große emotionale, kulturelle, wirtschaftliche und in einigen Fällen auch historische Bedeutung. Entsetzt über diesen Vandalismus informierte der Oberlama des Klosters Labrang, Jamyang Zhepa, höhere Funktionäre in der Zentralregierung über das, was geschehen war, ohne jedoch bislang eine Antwort erhalten zu haben.

Bei den wiederkehrenden Überfällen auf Klöster ist die Beschlagnahme von persönlichen Gegenständen, besonders von alten religiösen Objekten, nichts Ungewöhnliches. Ein Dokument, das TibetInfoNet zuging, enthält eine Aufzählung aller Artefakte, die bei einer Razzia im Kloster Tsandrok in der Provinz Gansu beschlagnahmt wurden, und gibt somit Aufschluß darüber, welche Art von Wertsachen die Sicherheitskräfte bei ähnlichen Überfällen auf andere Klöster mitnahmen. Das Kloster Tsandrok wurde am 18. April 2008 von ethnischen chinesischen Soldaten (Han) geplündert. Sie durchwühlten die Wohnquartiere der Mönche, die Versammlungshallen und Tempel unter dem Vorwand, sie müßten nach Waffen, vor allem Gewehren, suchen, die hier angeblich versteckt worden seien. Unter den mitgenommenen Gegenständen befanden sich Statuen, Thangkas und andere religiöse Objekte sowie alte Porzellanschalen und Schmuck. In Tibet ist es Brauch, daß die einzelnen Familien ihre wertvollsten Objekte einem Mönch – und in jeder Familie gibt es mindestens einen Verwandten, der Mönch ist – als Geschenk oder zur Aufbewahrung übergeben, denn die Klöster gelten als die sichersten Orte…

TibetInfoNet
www.tibetinfonet.net, 30. Juni 2008

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

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