Schüsse auf eine Tibeterin in Kardze - Schwere Restriktionen in ganz Tibet

Montag, 02.06.2008, 22:52 Uhr
Kategorien: Widerstand in Tibet

Einer bestätigten Meldung zufolge veranstaltete eine Tibeterin namens Rinchen Lhamo Tapotsang am 28. Mai um etwa 10 Uhr morgens ganz alleine in der Stadt Kardze eine Demonstration. Sie hielt eine tibetische Flagge hoch und rief Slogans, mit denen sie Unabhängigkeit für Tibet, die Rückkehr Seiner Heiligkeit des Dalai Lama nach Tibet und die Rückkehr der chinesischen Bürger an ihre jeweiligen Heimatorte forderte. Sie verteilte auch ein paar Flugblätter. Innerhalb weniger Augenblicke wurde sie von den Sicherheitskräften ergriffen und brutal geschlagen, so daß ihr Gesicht voller Blut war. Als Rinchen Lhamo abgeführt wurde, forderten ein paar andere Tibeter, die das Geschehen verfolgt hatten, daß man sie wieder freilassen sollte. Bald darauf waren Schüsse zu hören, berichtete die Quelle. Auf wen die Sicherheitskräfte zielten, ist nicht bekannt, ebenso wenig, wie viele Opfer es gab.

Ganz Tibet befindet sich nach wie vor unter strenger Militärkontrolle, wobei die Klöster besonders schweren Einschränkungen unterworfen werden. Die Kampagne zur “Patriotischen Erziehung” wird weiterhin rigoros durchgeführt und ergreift nun alle tibetischen Gesellschaftsschichten. Als Teil dieser Kampagne werden die Tibeter einem schauerlichen Propaganda-Spektakelausgesetzt, bei dem das frühere Tibet als “dunkle feudale Gesellschaft” und die Kommunistische Partei als der “glückbringende Retter” für das tibetische Volk dargestellt werden. Sogar die Schulkinder werden von dieser Kampagne nichtverschont. Auch sie müssen sich “dem Separatismus widersetzen” und den Dalai Lama schmähen. Sie werden gezwungen, Aufsätze zum Lobpreis der Kommunistischen Partei zu verfassen.

Von den 24 Mönchen des Klosters Taktsang Lhamo Kirti in Zoege, die verhaftet wurden, sind acht freigelassen worden, die übrigen 16 Mönche befinden sich weiterhin in Haft.

Bei den massiven Razzien, die die Sicherheitskräfte seit dem 28. März immer wieder im Kloster Kirti in Ngaba (chin. Aba) vornahmen und bei denen sie mehr als 700 Mönchsquartiere durchsuchten, sind schätzungsweise Gegenstände im Wert von 1,2 Mio. RMB/Yuan konfisziert oder geplündert worden, außerdem erlitten die religiösen Bücher, darunter Texte des Kagyur und Tengyur (Lehrschriften) und viele alte Artefakte des Klosters ungeheuren Schaden.

In der tibetischen Gesellschaft ist es üblich, nach dem Tod eines Familienmitglieds 49 Tage lang Gebete für den Verstorbenen zu rezitieren, damit er eine bessere Wiedergeburt erlange. Meistens führen Mönche in einem nahegelegenen Kloster diese Gebetszeremonien durch. Doch die krassen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, die sowohl den Mönchen und Nonnen als auch der Bevölkerung im allgemein auferlegt wurden, haben zur Folge, daß die Leute kaum noch Kontakt zueinander haben und ihnen ihr Recht vorenthalten wird, ihre hergebrachten religiösen Zeremonien durchführen und ihren gesellschaftlichen Gepflogenheiten nachgehen zu können.

Angesichts der kritischen Situation in Tibet appellieren wir an die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft, sich dringend unserer folgenden Forderungen anzunehmen:

  1. unverzüglich unabhängige Untersuchungskommissionen nach Tibet zu entsenden;
  2. unverzüglich der freien Presse Zugang zu ganz Tibet zu gewähren;
  3. unverzüglich dem brutalen Morden in ganz Tibet ein Ende zu setzen;
  4. unverzüglich für die sofortige Freilassung aller festgenommenen und verhafteten Tibeter zu sorgen;
  5. unverzüglich die medizinische Versorgung der verletzten Tibeter zu ermöglichen;
  6. die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit der Menschen und ihren Zugang zu lebensnotwendigen Gütern sicherzustellen.

Tibetan Solidarity Committee (Tibetisches Solidaritätskomitee)
www.stoptibetcrisis.net

Pressemitteilung, 28. Mai 2008

Übersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

Gelesen: 8 · heute: 2 · zuletzt: 17. August 2008

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