Geflohener Tibeter schildert, wie China den Aufstand in Lhasa niederschlug
Samstag, 17.05.2008, 13:09 UhrKategorien: Widerstand in Tibet
Dharamsala - Ehe ihm die Flucht über die gebirgige Grenze gelang, versteckte sich Kusang Sonam zwölf Tage lang vor den chinesischen Sicherheitskräften, die nach Tibetern fahndeten, die gegen Pekings Herrschaft in der Region revoltiert hatten.
„Ich weiß genau, wenn sie mich geschnappt hätten, dann wäre ich tot“, sagte der 38jährige Tuchhändler und Vater einer kleinen Tochter bei seinem ersten Interview mit den Medien in einem Flüchtlingslager in Indien.
Sonam berichtete, daß am 14. März, nach vier Tagen anhaltender Proteste in Lhasa, Messer schwingende chinesische Soldaten die tibetischen Demonstranten angegriffen hätten, worauf diese Vergeltung übten, was dann eine Hetzjagd nach den Demonstranten in der Hauptstadt der autonomen Region auslöste.
„Wir demonstrierten, um des 49. Jahrestags (des mißlungenen tibetischen Volksaufstands gegen die chinesische Herrschaft) zu gedenken, als die Polizeitruppen uns mit langen Messern angriffen,“ sagte er.
„Nun warfen wir mit Steinen, und die Soldaten traten den Rückzug an, kehrten aber bald mit Gewehren bewaffnet zurück, und dann war plötzlich überall Rauch, das Knallen von Schüssen und fürchterliche Schreie,“ sagte Sonam, der aus dem Bezirk Dartsedo in der Präfektur Kardze stammt. Er berichtete, er hätte gesehen, daß mehrere Tibeter durch die Schüsse und an den Stichwunden starben.
„Wie tote Tiere schleuderten die Soldaten sie einfach auf die Pritschen der Polizeifahrzeuge und fuhren sie weg“, sagte Sonam, der am 26. März nach Nepal floh.
„Als Tibeter war es unsere Pflicht, gegen die Besetzung unseres Landes durch China zu protestieren, aber sie (die Truppen) gingen mit unverhältnismäßig großer Gewalt gegen uns vor,“ erzählte Sonam in dem seltenen Bericht aus erster Hand.
Er ist einer der wenigen, denen in denen letzten Wochen die Flucht aus Tibet gelang. Am 30. April erreichte er, von Nepal kommend, Dharamsala - erst der vierte Tibeter, der seit dem Ausbruch der Gewalttätigkeiten aus der Region fliehen konnte.
Im April erreichten ein junges Mädchen und zwei Knaben Dharamsala. Sie wurden an einen sicheren Ort gebracht, damit ihre Identität nicht bekannt werden soll. Ihre Eltern werden in Tibet immer noch als vermißt aufgeführt, sagte Dorjee, der Direktor des Flüchtlingszentrums.
Sonam hat bereits Heimweh nach seiner Familie - der Tochter, der Frau, dem Bruder und dem Vater -, aber jetzt ist die Rückkehr unmöglich. „Ich kann jetzt nicht zurück, denn ich erhielt eine Nachricht von meiner Frau, daß die Polizei immer noch nach mir fahndet und all meine Habe beschlagnahmt hat.“
Der Direktor der Flüchtlingszentrums Dorjee erklärte, daß strengere Grenzpatrouillen und die drakonischen Maßnahmen der chinesischen Behörden es heute für Tibeter so gut wie unmöglich machten zu fliehen. „Früher trafen jedes Jahr um die 3.000 Flüchtlinge aus Tibet ein, aber seit dem 14. März sind unsere Schlafsäle völlig leer - bis auf Sonam“, meinte er.
„Die Chinesen haben die Mitglieder einer jeden Familie registriert, sie führen tägliche Anwesenheitsappelle durch, und wenn ein Mitglied fehlt, dann ist es um den Rest der Familie geschehen.“ Mehr wollte Dorjee nicht sagen, weil er die Verwandten der Flüchtlinge nicht in Gefahr bringen möchte. „Alles kann ich leider nicht sagen, nicht wahr?“
www.phayul.com, 14. Mai 2008
Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Schabka
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)
















