Über den Versuch, ein Jahr lang die Globalisierung zu boykottieren
Sonntag, 30.03.2008, 12:34 UhrKategorien: Aktionen, Menschenrechte, News Allgemein, Olympische "Spiele" 2008, Widerstand in Tibet
Sara Bongiorni, eine Wirtschaftsjournalistin aus Louisiana, versuchte ein Jahr lang auf Produkte „Made in China“ zu verzichten und schrieb ein Buch darüber, das nun im Wiley Verlag unter dem Titel „Ein Jahr ohne ,Made in China’“ erschienen ist.
Auslöser war das Weihnachtsfest 2004, bei dem sie das Verhältnis „Made in China“ gegen den Rest der Welt bei den Weihnachtsgeschenken etwas genauer unter die Lupe nahm. Das Ergebnis: 25 Produkte kamen aus China, 14 aus dem Rest der Welt. Die Nachrichten, die ständig von „Outsourcing“ der Produktion nach Asien und dem damit verbundenen Verlust von Arbeitsplätzen in Amerika (und selbstverständlich auch Europa) thematisieren, bereiteten den Rest der Motivation für Bongiornis „Experiment“. Sie wollte herausfinden, ob es überhaupt noch möglich ist, vollständig auf chinesische Produkte zu verzichten, oder ob unsere Abhängigkeit mittlerweile kaum noch abzuwenden ist.
Als besonders schwierig stellte sich dabei heraus zu beurteilen, ob ein Produkt nicht vielleicht doch zu einem gewissen Anteil in China hergestellt wurde. Häufig haperte es es an Alternativ-Produkten „Made in the USA“.
Ein ähnliches Experiment – wenn auch nur einen Monat lang – unternahm die Familie Kaspers für die WDR-Sendung „Markt“ mit demselben Ergebnis: Es mangelte häufig an adäquaten Alternativprodukten, die nicht in China gefertigt wurden. Außerdem, so Christian Fronczak vom Bundesverband der Verbraucherzentralen, läßt sich selten sagen, ob ein Produkt „Made in Germany“ ohne chinesisches Beiwerk hergestellt wurde. Das Problem liegt in der fehlenden Kennzeichnungspflicht – so darf ein in China gefertigtes Produkt, das in Deutschland weiterverarbeitet wurde, durchaus das Label „Made in Germany“ tragen. Eine Zahl des Statistischen Bundesamts: Waren im Wert von 54,6 Milliarden Euro wurden allein im Jahre 2007 aus China nach Deutschland importiert, lediglich die Niederlande und Frankreich brachten mehr Produkte nach Deutschland.
Fazit: Ein lückenloser Boykott chinesischer Produkte ist im Prinzip nicht möglich, nicht zuletzt wegen einer fehlenden Kennzeichnungsverordnung. Um ein Zeichen gegen die Diskriminierung in Tibet durch die chinesische Regierung zu setzen, genügt es jedoch bereits, etwas genauer auf die Herkunfts-Label zu achten. Ein jeder hat die Chance, seine Mündigkeit und seine Meinung nach außen zu tragen.
Übrigens: Als Veganer und globalisierungskritischer Mensch bin ich es gewöhnt, etwas mehr Zeit in den Supermärkten und Kaufhäusern zu verbringen, um Labels zu lesen, die Zutatenlisten der Lebensmittel zu studieren und regionalen Produkten gegenüber Produkten aus Übersee den Vorrang zu geben. Es ist machbar! Und auch, wenn es die Wirtschaftsbosse in China oder sonstwo wenig interessiert, ob ich ihre Produkte kaufe oder nicht – ich bin dennoch in der Lage, ein Zeichen zu setzen mit dem Bewusstsein, wenigstens wissentlich Diskriminierung, Unterdrückung, Massentierhaltung, Unternehmensmonopolisierung und dergleichen nicht unterstützt zu haben.
Buchtipps:
Sara Bongiorni: „Ein Jahr ohne ,Made in China’“ - Eine Familie - ein Boykott - ein Abenteuer
Verlag: Wiley-VCH
ISBN-10: 3-527-50350-1
ISBN-13: 978-3-527-50350-6
Henry D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat / Civil Disobedience
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 3257064608
ISBN-13: 978-3257064605
















